Hier stelle ich euch hin und wieder einen Text von mir vor

 
 

Das Geheimnis der Pinien

Es ist Oktober. Vor mir liegen einige Pinienzapfen, die ich vor wenigen Wochen im nahen Pinienwald gesammelt habe.Vorsichtig hebe ich einen der Zapfen hoch und betrachte ihn. Vereinzelt lugen noch ein paar Nadeln aus den Zwischenräumen. Das Harz hat sie festgeklebt. Es ist schwierig, den Zapfen zu reinigen, ohne seine Schuppen wegzubrechen. Während meine Hände behutsam arbeiten, gleiten meine Gedanken zurück in meine Kindheit.

Es ist ein Sonntag im Sommer, ich spaziere mit meiner Familie zum Pinienwald am Rande unseres Dorfes. In der Ferne höre ich das Mittelmeer rauschen. Die Schreie der Möwen klingen durchdringend aus dem nahegelegenen Fischerhafen.

Papa schiebt den Kinderwagen mit meiner kleinen Schwester. Sie ist erst wenige Wochen alt, genauso alt, wie ich damals war, als ich eingeweiht wurde. Eingeweiht in ein Geheimnis, weitergegeben von Frau zu Frau, von Mutter zu Tochter, von Schwester zu Schwester. Es ist nicht weit. Aufgeregt renne ich voraus, um dann wieder ungeduldig zu warten, bis Maman und Papa bei mir sind. Bald befinden wir uns mitten im Wald. Eine Pinie reiht sich an die andere. Die Bäume sind hoch, die Kronen weit und flach. Der Boden ist dick mit ihren Nadeln bedeckt. Er ist weich und warm, schluckt alle Geräusche, saugt sie auf wie ein Schwamm. Ich nehme den Duft der Nadeln und des Harzes wahr. Warm, würzig und vertraut. Pinienzapfen liegen am Boden, die meisten mit geöffneten Schuppen, ohne Kerne.

Maman holt eine Decke aus einer Tasche und breitet sie aus. Die Tasche gibt noch mehr her. Bald liegen Tomaten, Oliven, Brot und Käse in der Mitte des grossen Tuches. Ich lausche dem Wind in den Kronen der Pinien, lege mich auf den Rücken und versuche, etwas vom Himmel zu erspähen.

«Iss, Kind», ermahnt mich Maman. Sie schüttelt den Kopf ob meiner Verträumtheit. Brav schiebe ich mir eine Olive in den Mund und betrachte weiter die schönen Bäume. Die Stämme sind schlank und mit einer rauen Rinde versehen. Schliesslich stehe ich auf und stelle mich vor eine der Pinien. Ich umfasse sie mit den Armen und lege den Kopf vorsichtig an den Stamm. Es kratzt, es kitzelt. Ich presse mein Ohr fester an die Rinde. Nun höre ich es, das Rauschen, Knarzen und Stöhnen. Selbstvergessen lausche ich. Es ist eine Geschichte. Ein Geheimnis. Ich kenne es bereits. Der Gedanke daran zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht.

Ein Wispern bleibt in meinem Kopf zurück, als ich endlich zurücktrete. Ich setze mich und lehne mich an den Baum. Maman legt mir das Baby in die Arme. Ich wiege es sanft und erzähle ihm flüsternd von dem uralten Geheimnis der Pinien, von der Kraft, die sie ausstrahlen, vom Schatten, den sie spenden, und den Kernen, aus denen Maman den besten Kuchen aller Zeiten backt.

Die Türklingel holt mich aus der Vergangenheit zurück. Ich lege den Zapfen auf den Tisch und öffne meiner jüngeren Schwester die Tür. Im Schatten des Hauses steht der Kinderwagen mit ihrer Enkelin. Ich nehme meine Jacke und gemeinsam machen wir uns auf den Weg. Es ist nicht weit. In der Ferne hören wir das Mittelmeer rauschen, und die Möwen lärmen wie eh und je im nahen Fischerhafen.

 

©Béatrice Ammann-Leuenberger